Biologische Station Ravensberg im Kreis Herford e. V. – Thomas Wehrenberg
Herr Wehrenberg, können Sie uns Ihre Rolle bei der Biologischen Station Ravensberg vorstellen und erklären, was Sie an Ihrer Arbeit im Naturschutz besonders begeistert?
Ich arbeite inzwischen seit 27 Jahren bei der Biologischen Station Ravensberg. 1998 bin ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter gestartet. Zuständig bin ich für die Bereiche EDV, GIS (Geografisches Informationssystem), Effizienzkontrollen, unterschiedliche Naturschutzprojekte und für die Betreuung unserer Freiwilligen im BFD (Bundesfreiwilligendienst) und FÖJ (Freiwilliges Ökologisches Jahr). Seit etwa sieben Jahren bin ich zusätzlich stellvertretender Stationsleiter und im Vorstand tätig.
Was begeistert mich? Was treibt mich an?
Mein Interesse an Natur, Landschaften und ökologischen Zusammenhängen reicht weit zurück. Schon als Kind habe ich mich gefragt, warum der Mensch so oft – manchmal ganz unbewusst – in die Natur eingreift und ihr dabei schadet. Diese Fragen haben mich schließlich zum Biologiestudium geführt. Im Naturschutz spürt man deutlich, wie sehr Aufmerksamkeit und Unterstützung von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen abhängen. Phasenweise – etwa während der jüngsten Klimabewegung um 2019 – standen Umweltfragen stark im Mittelpunkt, und auch unsere Arbeit wurde viel mehr wahrgenommen – wir galten beinahe als „Weltretter“. In den letzten Jahren haben sich die Schwerpunkte jedoch wieder verschoben, andere Themen bestimmen aktuell den öffentlichen Diskurs viel stärker. Dieses Wechselspiel gehört dazu. Für mich ist das kein Grund, den Einsatz für den Naturschutz infrage zu stellen – im Gegenteil: Gerade jetzt ist Ausdauer gefragt.
Als Biologische Station verstehen wir uns als Bindeglied zwischen Landnutzung, ehrenamtlicher Naturschutz und Kreisverwaltung. Diese vermittelnde Rolle ist zentral, denn nur im Dialog lassen sich Lösungen finden, die für alle Seiten tragfähig sind. Genau das macht meine Arbeit für mich so anspruchsvoll und sinnvoll. Naturschutz heißt für mich, Verantwortung zu übernehmen, dranzubleiben und mit Überzeugung für Natur und Landschaft einzustehen.
Welche aktuellen Projekte der Biologischen Station Ravensberg liegen Ihnen persönlich am meisten am Herzen – und warum sind sie für den Kreis Herford so wichtig?
Generell der praktische Naturschutz vor Ort – unser Dauerprojekt!
Der Arbeitsprozess einer biologischen Station ist eine Mischung aus Erfassungen, praktischem Naturschutz, Umweltbildung und Beratung. Die tägliche Arbeit reicht von der Gebietsbetreuung über regelmäßige Biotoperfassungen mit einer umfangreichen Tier- und Pflanzeninventur, der Umsetzung von Naturschutzmaßnahmen bis hin zu Führungen, Vorträgen und der Zusammenarbeit mit Landwirten, Behörden und Schulen. Wir betreuen 20 der insgesamt 38 Naturschutzgebiete im Kreis Herford. Das sind zusammen ca. 4 % der gesamten Kreisfläche, die unter Naturschutz stehen und es liegt uns und den Bürgerinnen und Bürgern natürlich am Herzen, diese zu erhalten – wünschenswert wäre sogar eine Ausweitung dieser Gebiete.
Wie sieht die Arbeit dann ganz konkret aus – wie kann man sich einen Arbeitstag vor Ort vorstellen?
Jeder bei uns im Team hat sein Spezialgebiet wie Botanik, Vögel, Amphibien, Laubfrösche, Libellen, Heuschrecken, Biber, Fischotter usw. Für all diese Themen ist Artenkenntnis und Expertise erforderlich. Dazu kommt der praktische Arm mit zwei angestellten, erfahrenen Praktikern.
Gestartet wird mit einer Inventur, also der Bestandsaufnahme, z.B. in welchem Zustand befinden sich die Biotope im Naturschutzgebiet und welche Tiere und Pflanzen kommen dort vor. Dann werden Maßnahmen festgelegt und umgesetzt, um den Wert der Gebiete zu erhalten bzw. zu verbessern, wie z.B. Gehölzpflege, Hecken pflanzen und schneiden, Teiche für die Sonnenstrahlen freimachen …
Der nächste Schritt ist die Öffentlichkeitsarbeit. Dazu gehören beispielsweise die Organisation von Exkursionen, Wanderungen, Radtouren, Vorträgen und Seminaren, Programme für Kindergärten, Schulen und Senioren und die Erstellung von Info-Material.
Und all diese Aufgaben und Arbeiten müssen bezahlt werden. Die Biologische Station ist ein gemeinnütziger Verein – 75% werden aus öffentlichen Mitteln finanziert, die restlichen 25% aus Spenden und Drittmittel.
Copyrights – Laubfrosch @Frank-Buesing, Fischotter @ Silvio Heidler, Eisvogel @ Biologische Station Ravensberg, Fahrradprojekt @ Biologische Station Ravensberg/Gemeinde Hiddenhausen
Wie entstand das Projekt „Wandern im Kreis“ und welche Idee steckt dahinter, Natur und Kultur zu verbinden?
Durch Spaß an der Natur! Wir wollten einfach das Wandern mit den landschaftlichen Sehenswürdigkeiten verbinden. Naturaspekte wie Streuobstwiesen, Bäche, an denen z.B. Feuersalamander angesiedelt sind etc. wollen wir mit Kultur und Geschichte der Landschaft vereinen: Wandern auf den Spuren der Vergangenheit. Die Wege sind nicht markiert, es handelt sich daher nicht um offizielle Wanderwege, sondern um Wander(-Freizeit-)routen.
Ein besonderes Highlight sind dabei die Sehenswürdigkeiten entlang jeder Route. An diesen Stationen erfahren Wandernde kompakt alles Wissenswerte über Natur und Kultur. Ob in unseren neuen Flyern oder direkt online über QR-Codes und unsere Wander-Website – die Infos sind jederzeit abrufbar und machen jede Wanderung zu einem echten Erlebnis.
Das Besondere an diesem Projekt ist die Social-Media-Begleitung auf Instagram und Facebook, die wir gemeinsam mit unseren Werkstudierenden umgesetzt haben – die haben das wirklich klasse gemacht! So gab es zum Beispiel einen Adventskalender mit kleinen Preisen wie unsere neue Flyer-Box mit allen 25 Wanderrouten. Innerhalb von nur einem halben Jahr konnten wir bereits über 500 Follower gewinnen – besonders auf Instagram erreichen wir damit ein jüngeres, aktives Publikum. Eine ausführliche Auswertung unserer Social-Media-Aktionen folgt demnächst – ich bin schon sehr gespannt.
Zusätzlich machen GPX-Tracks für die Navigation per Handy, Einkehrmöglichkeiten entlang der Routen und Tipps für weitere Sehenswürdigkeiten in der Nähe jede Wanderung noch einfacher und abwechslungsreicher. Alle 25 „Natur und Kultur Wanderungen“ sowie sämtliche weiteren Wanderangebote aus dem Kreis Herford finden sich übersichtlich auf unserer neuen Homepage www.wandern-im-kreis.de
»Als Biologische Station verstehen wir uns als Bindeglied zwischen Landnutzung, ehrenamtlichem Naturschutz und Kreisverwaltung. Diese vermittelnde Rolle ist zentral, denn nur im Dialog lassen sich Lösungen finden, die für alle Seiten tragfähig sind. «
Welche besonderen Naturerlebnisse erwarten Wandernde auf den Routen im Kreis Herford? Können Sie uns kurz 3 Highlights nennen?
Es gibt so viele – da muss ich kurz überlegen…
- Gut Böckel (Wanderroute 6) in Rödinghausen z.B. verbindet Natur, Wald, und Kultur. Allein der Blick auf das Gut und in den Park ist traumhaft und die kulturhistorische Geschichte – ein Ort, an dem der bekannte Dichter Rainer-Maria Rilke 1917 für einige Zeit gewohnt und geschrieben hat.
- Bonstapel und Kleiner Selberg in Vlotho – die Route 25 hat viele Höhenmeter – die Wanderung führt zunächst hinauf zum höchsten Punkt im Kreis Herford, dem Bonstapel und bietet unterwegs immer wieder herrliche Ausblicke über das wellige Lipper Bergland. Durch Infotafeln und QR-Codes am Naturlehrpfad Bonstapel erfährt der Wandernde viel über diese wunderschöne Landschaft.
- Ein weiteres Highlight ist für mich das Naturschutzgebiet „Füllenbruch“ (Route 18). Dort wandert man auf den Spuren der Vergangenheit entlang der Kleinbahntrasse zwischen Spenge und Vlotho, die 1900 gebaut und letztmalig 1966 genutzt wurde und jetzt ein schöner Wander- und Radweg ist.
Es gibt auf der Route viele Naturerlebnisse wie z.B. die wunderschöne Kuckucks-Lichtnelke, eine von vielen geschützten Pflanzenarten im Gebiet. Links und rechts der Wege werden die Felder und Wiesen von den Landwirten extensiv bewirtschaftet und da gibt es viel zu sehen.(Erklärung Redaktion: Auf intensiv genutzten Wiesen wachsen oft nur wenige Grasarten, während die Extensivwiesen eine deutlich artenreichere Tier- und Pflanzenwelt aufweisen.)
Wie können Wandernde und Besucher aktiv zum Naturschutz beitragen, während sie die Naturpfade erkunden?
Das ist ein sensibler Bereich – ein zweischneidiges Schwert. Einerseits finden die interessierten Besucher es toll, dass es den Naturschutz gibt und sie diese Landschaften erleben können. Andererseits müssen sie sich aber auch an Regeln halten. Müll mitnehmen, unbedingt auf den Wegen bleiben und Hunde anleinen sind zentrale Vorgaben, die es einzuhalten gilt.
Darüber hinaus sind Engagement, Ehrenamt und Gemeinschaftsaktionen für den praktischen Naturschutz für jeden möglich. Wir informieren über Aktionen über Social-Media und über unsere Webseite und bieten sogar über die VHS entsprechende Seminare I Vorträge an. Jede(r) kann also aktiv werden und dabei helfen, unsere Natur zu schützen!
Vielleicht ist für junge Menschen aus dem Kreis Herford interessant, dass wir aktuell engagierte Schulabgängerinnen und Schulabgänger suchen, die Lust haben, sich im Rahmen eines freiwilligen Jahres im Naturschutz einzubringen. Der Einsatz startet am 01.08.2026 – gerne schon jetzt bei mir bewerben 😊
Seit Bestehen der Biologischen Station Ravensberg 1993 haben sich bisher 144 junge Menschen für ein freiwilliges Jahr oder den Zivildienst bei uns entschieden. Die Beweggründe sind unterschiedlich – einige möchten sich schon im Vorfeld ihrer Berufswahl im Naturschutz engagieren und erste Erfahrungen sammeln. Andere sind auf der Suche nach ihrem Berufsziel, andere wiederum möchten sich einfach „nur“ engagieren, auch wenn ihre spätere Berufswahl außerhalb des Naturschutzes liegt.
Welche Visionen und Pläne haben Sie für die Biologische Station Ravensberg und das Wanderprojekt in den kommenden Jahren?
Das Wanderprojekt wird gut angenommen und da wollen wir natürlich am Ball bleiben. Für dieses Jahr haben wir bewusst ein besonders wertvolles Projekt in den Fokus genommen: die Naturschutzbildung mit Kindern. Ziel ist es, Kinder außerhalb des schulischen Kontextes über einen Zeitraum von einem Jahr zu begleiten und ihnen Naturwissen, Verantwortungsbewusstsein und Begeisterung für ihre Umwelt zu vermitteln: Mein Jahr mit der Biostation – ein kinderfreundliches Begleitbuch zum Naturschutz im Kreis Herford. Der Antrag auf finanzielle Förderung befindet sich derzeit in der Abstimmung. Bei positivem Bescheid können wir ab Herbst 2026 mit der Umsetzung starten. Geplant ist ein ganzheitliches Konzept mit einem Kinderbuch, einer begleitenden Webseite, Social-Media-Aktivitäten sowie zahlreichen Veranstaltungen mit und in der Natur, bei denen die Kinder aktiv eingebunden werden – auch bei Wanderungen auf Abschnitten unserer Routen. So möchten wir nachhaltige Impulse setzen und frühzeitig das Bewusstsein für Natur- und Umweltschutz stärken.
Was gefällt Ihnen persönlich ganz besonders am Kreis Herford
Ich schätze die große landschaftliche Vielfalt im Kreis Herford sehr. Besonders das Ravensberger Hügelland begeistert mich immer wieder – es hat einen ganz eigenen Charakter und bietet beeindruckende Naturerlebnisse direkt vor der Haustür. Darüber hinaus haben wir hier mit der Naturschutzbehörde, die an die Kreisverwaltung angebunden ist, einen ausgesprochen kompetenten und engagierten Partner. Die Wege sind kurz, die Zusammenarbeit ist unkompliziert und von gegenseitigem Vertrauen geprägt – wir ergänzen uns hervorragend.
Ganz besonders wertvoll ist für mich auch die sehr gute Zusammenarbeit im eigenen Team. Dieses Miteinander, das gemeinsame Engagement und die Freude an der Sache machen unsere Arbeit nicht nur erfolgreich, sondern auch persönlich erfüllend.
Nicht zuletzt bin ich dankbar für die außergewöhnlich breite Unterstützung, die wir erfahren: Unsere Arbeit wird von starken Partnern getragen, darunter die Stiftung der Sparkasse Herford, die Stiftung für die Natur Ravensberg, die NRW-Stiftung, der LWL, das Bundesamt für Naturschutz sowie das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes NRW. Diese Wertschätzung und dieses Vertrauen bedeuten uns sehr viel.
Mehr Informationen zu Biologische Station Ravensberg im Kreis Herford e.V.:
https://www.bshf.de
Interview 08. Januar 2026
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