Kemena GmbH – Dr. Timo Jording

Vorbereitung auf Gelegenheit – das prägt die Unternehmensgeschichte des Löhner Unternehmens Kemena.
Was dies bedeutet und warum die Schiene immer mehr in den Unternehmensfokus gerückt ist, hierüber berichten Dr. Timo Kemena und Fritz-Henry Hilker (CEO Executive Assistant) im Interview.

Als Spezialdienstleister für Beschaffungslogistik für die Küchen- und Papierindustrie sorgt Ihr Familienunternehmen für die pünktliche Versorgung ganzer Produktionsketten. Welche Voraussetzungen müssen Sie erfüllen, damit eine „Just-in-Time“-Versorgung möglich ist?

Dr. Timo Jording: Unternehmen jeder Branche unterliegen gewissen externen Veränderungsimpulsen, wie die gesamtwirtschaftliche Lage, sozio-technologische Veränderungen oder politische Regulierung. Die Geschichte von Kemena zeigt, wie bei vielen anderen Familienunternehmen, dass Ideen die Welt regieren. Das heißt, jede Phase des Unternehmens wurde maßgeblich durch die Ideen der jeweiligen Generation geprägt. Dies trug dazu bei, dass – so wie alles in der Natur – die Entwicklung und das Wachstum von Kemena von innen nach außen stattfanden. Wenn man also von Impulsen sprechen möchte, dann sprechen wir von den Ideen der jeweiligen Lenker des Unternehmens.
Gleichzeitig bin ich der Auffassung, dass eine gute Vorbereitung auf die oben genannten externen Impulse einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg oder Misserfolg von Ideen, und damit von unserem Unternehmen, beigetragen hat. Die Firmengeschichte zeigt, dass Glück das ist, was passiert, wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft. Oftmals konnten wir auf Grund guter Vorbereitung schneller reagieren als Marktbegleiter und potenziellen Kunden eine effektive Lösung für ein bestimmtes Problem anbieten. Wir versuchen immer möglichst nah in der Problemwelt unserer Kunden zu sein und Herausforderungen zu erkennen, bevor der Kunde es überhaupt ahnt.

Von links: Dr. Timo Jording, Fritz-Henry Hilker

Sie sind 2013 ins Familienunternehmen eingestiegen. War der Weg vorgezeichnet oder aber hätten Sie auch einen anderen Weg einschlagen können?

Dr. Timo Jording: Meine Eltern gaben mir seit früher Kindheit ein starkes Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein für mein eigenes Handeln mit auf den Weg. Ob ich in unser Familienunternehmen eintreten werde, haben Sie mir und uns – damit meine ich meine Geschwister – immer offen gelassen. Wir hatten das große Glück und die Unterstützung meiner Eltern unseren gegebenen Interessen nachgehen zu können. Jeder schlug seinen eigenen, ganz persönlichen Bildungsweg ein und ist auf eigene Weise sehr erfolgreich. Es stellte sich früh heraus, dass die Logistik für das Leben meiner Geschwister keine Rolle spielen sollte. Dass eine gewisse Prädisposition zur Logistik meinen Werdegang beeinflusst hat ist offensichtlich. Um im Bild zu bleiben und die Frage zu beantworten: Mein Weg ins Unternehmen war nicht direkt vorgezeichnet. Gleichzeitig gab mir mein Vater von Kindesbeinen einen geeigneten, spitzen Bleistift und viel Millimeterpapier mit auf den Weg, um in der Lage zu sein, das Familienunternehmen weiterzuführen. Wem viel gegeben wird, von dem wird auch viel verlangt. Dieses Credo ließen meine Eltern nie außer Acht. Dennoch: Getretener Quark wird breit, nicht stark. Wir waren stets frei in unseren Entscheidungen und was wir in unserem Leben machen.

Als Spezialdienstleister für Beschaffungslogistik für die Küchen- und Papierindustrie sorgt Ihr Familienunternehmen für die pünktliche Versorgung ganzer Produktionsketten. Welche Voraussetzungen müssen Sie erfüllen, damit eine „Just-in-Time“-Versorgung möglich ist?

Dr. Timo Jording: Grundvoraussetzung ist eine sehr hohe Flexibilität. Ohne diese geht es nicht. Wir reden i.d.R. eher von Stunden denn von Tagen zwischen Datenabruf und Anlieferung an der Maschine. Folglich arbeiten wir, wenn die Maschinen bei unseren Kunden laufen. Hierbei müssen wir auf kurzfristige Produktionsengpässe oder Schichtausweitungen bei unseren Kunden, nahezu 24/7, flexibel reagieren können. Damit einher geht ein sehr hohes Eigenengagement unserer Mitarbeiter, die wissen, dass sie eine entscheidende Rolle in der der Produktion unserer Kunden spielen. Ohne den Einsatz der Mitarbeiter ist eine „Just-in-Time“ – Versorgung nicht denkbar. Dabei stehen die Identifikation und das gegenseitige Verständnis unserer Mitarbeiter mit den Produktionsprozessen und den Ansprechpartnern bei unseren Kunden an vorderster Stelle. Dies geht teilweise so weit, dass ich das Gefühl habe, bei uns sitzen Mitarbeiter unserer Kunden. Wenn wir uns den Prozess ansehen, ist eine einwandfrei, hohe Qualität der Waren und Güter oberste Maxime. Unsere QS-Abteilungen, welche wir an jedem unserer Standorte fest integriert haben, sorgen dafür, dass schadhafte Waren gar nicht erst unser Lager passieren. Darüber hinaus ist die Kommunikation zwischen den Produktionsmaschinen unsere Kunden und unseren IT-Systemen unabdingbar. Dazu pflegen wir mit dem Großteil unserer Kunden Echtzeit- Datenschnittstellen. Der Datenabruf unserer Kunden ist Auslöser einer ganzen Armada an Befehlen die Menschen und Maschinen bei uns im Hause steuern. Wenn die Materialanforderung bei uns systemisch und physisch sauber verarbeitet wurde, starten teilautonome Prozessketten die Warenbereitstellung nach dem Produktionsbedarf. Ein intelligentes Leitsystem, gestützt von einer kundenindividuellen Etikettierung mit verschiedenen Kontrollpunkten, steuert dabei die innerbetriebliche Logistik. Dabei werden die Anforderungen in Stückzahl eins nicht nur „Just-in-Time“, sondern auch „Just-in-Sequence“ produktionssynchron auf die, häufig bei uns im Lager beginnenden, Produktionslinien bereitgestellt und den Maschinen avisiert. Letztlich sorgt die gezielt gewählte räumliche Nähe unserer verschiedenen Standorte zu unseren Kunden und der Einsatz von automatischen Verladesystemen auf unseren Aufliegern zu einer reibungslosen Produktionsversorgung.

»Wir versuchen immer möglichst nah in der Problemwelt unserer Kunden zu sein und Herausforderungen zu erkennen, bevor der Kunde es überhaupt ahnt.«

Mit einem millionenschweren Euro-Investitionsvolumen hat Ihr Unternehmen Lagerflächen in Löhne gekauft und die alten Gleise reaktiviert, um den direkten Gleisanschluss des Unternehmens zu erreichen. Warum dieses Invest und welche Vorteile bietet es für die Zukunft?

Fritz-Henry Hilker: Erst drei Monate bevor wir den Standort an der Alfred-Nobel Straße eröffneten bin ich ins Unternehmen eingetreten und somit von Anfang an in einem spannenden Projekt eingespannt. Von dort versorgen wir unsere Kunden mit sogenannter Weißware und Handelsware. Das sind im speziellen Kühlschränke, Spülmaschinen und Herde, aber auch Dunstabzugshauben, Kochfelder und Kohlefilter werden an diesem Standort stückgenau kommissioniert. Somit sind wir in der Lage, unseren Kunden eine ganzheitliche logistische Dienstleistung zu bieten, um deren Produktionsketten stetig und sicher zu versorgen. Vom Rohmaterial, über Baugruppen hin zur Handelsware – alles aus einer Hand.

Kemena investiert seit je her in den ökologisch sinnvollen Schienenverkehr. Drei unserer vier Standorte haben einen direkten Gleisanschluss, sodass sogar in unseren Hallen verladen werden kann. Lange Zeit war das Thema Schiene für den Bereich der Produktionsversorgung nicht für alle Warengruppen zielführend. Denn im Vergleich zur Straße ist die Schiene etwas träger, sodass höhere Bestände vorgehalten werden müssen, um eine Produktionsversorgung zu gewährleisten. In der jüngeren Vergangenheit führten die bekannten globalen Ereignisse dazu, dass Lieferketten gestört, der Arbeitsmarkt im Bereich der Kraftfahrer deutlich angespannter ist und Treibstoffe immens teuer sind. Das Interesse unserer Kunden an Versorgungssicherheit und höheren Beständen stieg infolgedessen deutlich und eine Verlagerung der Transporte auf die Schiene wurde somit möglich und attraktiv. Wir tätigten diese und auch frühere Investitionen in den Schienenverkehr, weil wir vom Modell produktionslogistischer Konzepte über die Schiene per se überzeugt sind. Wie oben beschrieben trifft hier nun Vorbereitung auf Gelegenheit und wir sind in der Lage unseren Kunden eine Alternative zum Transport auf der Straße anzubieten.

Dr. Timo Jording: Wir setzten seit je her auf den Bahntransport. Nicht zuletzt die angesprochenen Lieferkettenengpässe haben gezeigt, dass es häufig gar nicht mehr darum geht, wie ich meine Ware bekomme, sondern ob überhaupt. Hierbei kann der Bahntransport selbst auf kurzen Distanzen eine entscheidende Rolle spielen. Im Zusammenspiel zwischen Lieferant und Kunde optimieren wir den Hauptlauf über den Bahntransport und sorgen für eine bedarfsgerechte Verteilung in der Region. In vielen Köpfen kommen beim Gedanken an Bahntransporte sofort Schlagworte hoch wie, „unpünktlich“, „zu teuer“, „unflexibel“. Häufig kommt das Thema Bahntransport rein aus Ökologischen und Prestigegedanken überhaupt auf den Tisch bei Unternehmen.

Lassen Sie mich an folgenden aktuellen Projekt bei uns im Haus aufzeigen, warum das Stigma für den Schienentransport nicht gelten muss:
Täglich werden in Deutschland hunderttausende von Einzelladungsverkehre quer durch die Republik geschickt. Dies ist der Verlagerung der Bestände auf die Straße geschuldet. Engpässe in den Lieferketten und eine hohe Versorgungsunsicherheit im LKW-Verkehr werden mit hohen Sicherheitsbeständen kompensiert. Ergebnis sind eine Vielzahl unnötiger Transporte sowie enorme Abschreibung aufgrund von Überbeständen. Die Diskrepanz zwischen echtem Bedarf und emotionsgetriebenen Bevorratungsstrategien entlang der Lieferkette ist seit lange Zeit bekannt und wird als „Bullwhip-Effekt“ bezeichnet. Genau hier setzten wir mit dem Bahntransport an. 

Weg von einer bestellbezogenen Versorgung durch den Lieferanten hin zu einer Forecast-basierten Bevorratung mit optimierten Hauptläufen.Um auf das konkrete Beispiel zurückzukommen …. Wir haben einen Kunden mit Sitz in Süddeutschland, ca. 400 km Entfernung, welcher in OWL 5 Endkunden beliefert. In der Vergangenheit erfolgte die Versorgung klassisch, bestellbezogen via LKW. Damit einher gingen ca. 10 LKW-Ladungen mit einer durchschnittlichen Auslastung von 80% nach OWL. Mit der Umstellung auf eine prognosebasierte, bestellneutrale Bevorratung der Bestände an unserem Standort Gütersloh, konnten wir nicht nur die Gesamtbestände in der der Lieferkette reduzieren, die entscheidende Versorgungssicherheit bei den 5 Kunden erhöhen und den Hauptlauf nach OWL auf die Schiene verlagern, sondern auch die Auslastung der LKW auf 100% erhöhen. Hierbei spielt die Bahn eine entscheidende Rolle.

Wir haben feste Kapazitäten im Bahnnetz mit fixen Abfahrtzeiten mit einer losgrößenoptimalen Produktion bei unserem Kunden eingekauft. Im Gegensatz zur Planung von 50 LKW in der wöchentlichen Verteilung, weiß unser Kunde nun, dass er jeden Monat bis 22:00 Uhr auf bis zu 15 Waggons verlädt. Diese sind dann bereits am Dienstag um 04:00 Uhr bei uns im Lager. Da die Endkunden von Anfang an mit ins Boot geholt wurde und nun von der hohen Verfügbarkeit in der räumlichen Nähe profitiert, bestellt dieser nur noch volle LKW-Ladung mit echten Tagesbedarfen.

Thema »Ökobilanz« bzw. »Grüne Logistik«: wie schaffen Sie es, Ihre Logistikprozesse umweltgerecht und ressourceneffizient zu gestalten?

Fritz-Henry Hilker: Als Logistikdienstleister sind wir uns unserer Verantwortung gegenüber unserer Mitwelt bewusst und richten unsere Aufmerksamkeit gezielt auf „grüne“ Investments und Geschäftsmodelle. Seit 2021 haben wir alle unseren Firmenwagen auf Elektro oder Plug-in-Hybrid umgestellt und laden grünen Strom. Dies stellt wissentlich den Kleinsten Teil unserer grünen Strategie dar.

Im Bereich der Produktionsversorgung versuchen wir, wie oben beschrieben, möglichst viele Transporte auf die Schiene zu verlagern und Transportkapazitäten durch unsere Standorte zu bündeln. Dieses Modell wird in den kommenden Jahren weiter ausgebaut. Das Team im Bereich der Disposition wird gezielt durch unser IT-System unterstützt, um sinnvolle Touren-Konstrukte zu erstellen. Seit zwei Jahren sind wir aktiv in einem Projekt involviert, um den E- oder Wasserstoff-LKW im Nahverkehr zu integrieren. Hier planen wir 2024 die erste Umstellung. Seit vielen Jahren profitieren unsere Kraftfahrer von einem Anreizsystem, dass treibstoffarmes fahren honoriert. So wird jeder Mitarbeitende angehalten, seinen Beitrag zu leisten.

Im Bereich des Lagers investieren wir fortlaufend in energieeffizientes Equipment und in die neueste Batterietechnik. Sämtliche Standorte sind mit einer intelligenten LED-Beleuchtungssteuerung ausgestattet. Am Standort in Löhne wird dieses Jahr eine 1 Mio. KWP PV-Anlage installiert, die circa 130% unseres Jahresbedarfs an Strom am Löhner Standort decken wird.

Ihr Familienunternehmen hat einen hohen Qualitätsanspruch und setzt auf langjährige Betriebszugehörigkeit von MitarbeiterInnen. Geht das Thema „Fachkräftemangel“ an Ihnen vorbei?

Fritz-Henry Hilker: Der Fachkräftemangel ist und bleibt Fokusthema. Ich denke man sollte in diesem Zusammenhang nicht vom Fachkräftemangel, sondern von mangelnder Befähigung von Menschen ohne Kenntnisse und besonderen Fähigkeiten sprechen. Wir sehen in potenziellen neuen Mitarbeitenden nicht was Sie sind, sondern wer sie sind. Lernwillige, Wissbegierige Individuen die bestimmte Fähigkeiten erlernen können. Deswegen nehmen wir Menschen an die Hand und lassen Sie zu Fachkräften und zu einem wichtigen Teil der Unternehmensleistung reifen.

Natürlich stellen wir viele Mitarbeitende mit Migrationshintergrund ein. Sprachliche Barrieren versuchen wir mit Sprachkursen vor Ort zu verringern, um so der ganzheitlichen Integration einen guten Nährboden zu geben. Mitarbeiterwohnungen, Hilfe bei Behördengängen und Anträgen bei Botschaften oder Ämtern sind Teil dieses Gesamtkonzeptes, um ausländischen Mitarbeitern den Start in einem neuen (Arbeits-) Leben zu ermöglichen.

Was schätzen Sie an der Region? Was verbinden Sie mit dem Kreis Herford bzw. mit Löhne?

Dr. Timo Jording: Die Region ist gespickt von Jubel, Trubel, Heiterkeit auf der einen Seite und wundervollen Rückzugsorten auf der anderen Seite. Das Zusammenspiel des urbanen Lebens und die sinnstiftende Ruhe der Natur macht die Region sehr lebenswert.
Die Region ist geprägt durch eine Vielzahl mittelständischer Unternehmen, welche hier das Rückgrat bilden. Nur durch diese Strukturen und die damit verbundene Innovationsbereitschaft können wir gemeinsam unsere Konzepte in der Lieferkette umsetzen.