Dirk Moysig – moysig retail design gmbh

Mit Ihren Ideen schaffen Sie seit zwei Jahrzehnten Erlebnisräume. Wie hat alles angefangen, können Sie sich noch an Ihren ersten Auftrag erinnern?

Ja, ich erinnere mich noch sehr gut an den Morgen im Jahr 1996, als ich in aller Herrgottsfrühe mit einem klapprigen Suzuki zu S. Oliver nach Rottendorf, in der Nähe von Würzburg, aufgebrochen bin. Neben mir hatte ich eine Mappe mit Skizzen, die, wie sich herausstellte, für S.Oliver und andere Modemarken genau das waren, worauf sie gewartet hatten. Ein Konzept, das das Retailgeschäft nachhaltig verändern sollte. Während einiger Aufenthalte in New York Anfang der 90er hatte ich das Shop-in-Shop-System entdeckt und kennengelernt. Innovative Marken wie Banana Republic hingen dort nicht einfach nebeneinander in der Reihe, wie das in Deutschland zu diesem Zeitpunkt üblich war, sondern strahlten in ihrer eigenen Markenwelt, bespielten bunt und lebendig die Flächen der größten Kaufhäuser der USA. Ich hatte keinen Zweifel, dass so auch die Zukunft bei uns aussehen würde. Ich hatte nur noch keinen Plan, wie man mit unseren Markenanbietern in Kontakt treten könnte. Da das Zeichnen seit der Kindheit meine bevorzugte Ausdrucksform war, begann ich die Ideen zu visualisieren. Ich arbeitete drei beispielhafte Shop-in-Shop-Einrichtungssituationen für nicht näher definierte Modemarken aus. Dann öffnete der Zufall die Tür. Eine Bekannte arbeitete für einen freien Handelsvertreter von S.Oliver, der in Herford einen Showroom hatte. Ich zeigte ihr meine Entwürfe, sie war begeistert und erklärte sich bereit, einen Termin mit ihrem Chef zu arrangieren. Kurze Zeit später erläuterte ich diesem während eines Essens im Herforder Felsenkeller meine Vision und die Umsetzungspläne dafür. Er war eher der Typ nüchterner Geschäftsmann, hatte aber trotzdem nichts dagegen, ein gutes Wort beim „Alten“, also dem Macher von S.Oliver, für mich einzulegen. Eine Woche später rief er mich an und sagte, er habe am nächsten Tag um 19 Uhr einen Telefontermin mit Bernd Freier vereinbart, ich solle aber bitte pünktlich sein. Kurz darauf telefonierte ich mit „Gott“. Das hört sich übertrieben an, so aber nahm ich den Kopf der bereits damals mit einem Umsatz von 300 Millionen D-Mark extrem dynamischen Marke S.Oliver wahr. Bernd Freier hörte mir aufmerksam zu und schien das Potenzial zu wittern. Falls ich am nächsten Morgen von 9.30 Uhr bis 10 Uhr eine halbe Stunde Zeit erübrigen könnte, sollte ich mal bei ihm in Rottendorf vorbeikommen.

Wie ging es dann weiter?

Um 5 Uhr fuhr ich also voller Vorfreude, Lampenfieber und einem gehörigen Schlafdefizit los. Unterwegs machte ich mir die unsinnigsten Gedanken. Zum Bespiel: Bist du überhaupt richtig angezogen? Wenn man bei einem der innovativsten Köpfe der Modebranche aufläuft, sollte man vielleicht ein bisschen Style erwarten dürfen. Ich gebe zu, dass mein Style zu jener Zeit nicht unbedingt als trendsetzend bezeichnet werden konnte. Ich entschied mich für eine Jeans, ein Hemd und einen Janker, den ich mir kurze Zeit vorher aus nicht nachvollziehbaren Gründen gekauft hatte. Ein anderes Sakko besaß ich nicht.

Das erste, was Bernd Freier, der Chef von S. Oliver tat, war folgendes: Er fummelte an meinem Ärmel herum, befühlte den Stoff meines Jankers, grinste und sagte: „Geiler Stoff, da müssen wir auch was mitmachen.“  Ich versank im Stuhl. Meinte der das etwa ernst? Absolut. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Ich zeigte ihm meine Vorschläge und er sagte, dass ich genau zum richtigen Zeitpunkt bei ihm reingeschneit sei. Dann stellte er mich den Mitarbeitern vor, die das Projekt intern vorantreiben sollten und verabschiedete sich. Vier Stunden später flog ich stolz wie Oskar und überhaupt nicht mehr müde mit den ersten Aufträgen von S.Oliver in der Tasche über die A7 nach Hause.

Das war der Anfang einer langen und von persönlicher Wertschätzung geprägten Geschäftsbeziehung, in der wir in der Spitze 60 Shop-Projekte pro Quartal umgesetzt haben. Dazu kamen schnell weitere Marken wie Oliver Twist. Mit Unterstützung von Mitarbeitern, die von S. Oliver aus in die große, weite Modewelt auszogen, konnten wir Bianca, Roy Robson, später Puma und viele andere Top-Marken mit unseren Stores und Shops begeistern.

In Ihrer Kundenliste finden sich auch große Fußballvereine. Gibt es von Ihnen eine persönliche Affinität zum Fußball und wie haben Sie die international spielenden Vereine in die Region gelockt?

Ich liebe es mit Freunden zusammen Europa- und Weltmeisterschaften zu gucken. Ich mag dabei das Gemeinschaftsgefühl, vor allem natürlich, wenn Deutschland gewinnt und wir die Freude teilen können. Besonders begeistert hat mich der Spirit von 2006. Die Kontakte zu den international spielenden Vereinen sind in erster Linie durch Puma entstanden. Puma ist einer der wichtigsten Ausstatter in der Fußballwelt, da lag es nah, dass wir auch für Vereine tätig werden, die einen Vertrag mit Puma haben. Wir haben zum Beispiel Fanshops und Designkonzepte für Borussia Dortmund, Bayern München, VfB Stuttgart, Borussia M´gladbach in Deutschland gemacht. Im Ausland für Sporting und Benfica Lissabon, Feynord Rotterdam, FC Brügge, Tottenham Hotspurs, um die bekanntesten Top-Clubs zu nennen.

Sie bieten neben der Dienstleistung Architektur auch Workshops an. Passt das mit Ihrem Kerngeschäft zusammen? Gibt es Synergien?

In den Workshops erarbeiten wir gemeinsam mit unseren Kunden ein Designkonzept. Auf diesem Weg sind alle Entscheidungsträger von Anfang an beteiligt und können sich mit dem neuen Konzept identifizieren. Außerdem lernen wir dabei die Menschen und Teams persönlich kennen, was im weiteren Verlauf die Zusammenarbeit vereinfacht und angenehmer gestaltet. Was die Art der Unternehmen angeht, für die ein Design-Workshop sinnvoll sein kann, gibt es eigentlich keine Limits. Wir arbeiten mit regionalen Küchenherstellern wie Häcker, Fußballclubs oder Modeherstellern wie Bugatti hier vor Ort. Wichtig ist, dass wir uns raus aus dem gewohnten Rahmen in eine angenehme und inspirierende Atmosphäre begeben.


Wir haben dafür zum Beispiel schon den alten Güterbahnhof oder die Motorenfabrik gemietet, manchmal ist es auch eine gute Idee sich bei den Geschäftsführern privat zuhause nach Feierabend zusammenzusetzen. In der Regel bietet immer ein konkretes Projekt den Anlass für einen Workshop. Beispielsweise die Gestaltung eines Showrooms, ein neues Shopkonzept, oder im Verwaltungsbereich die Gestaltung von Büroräumen und Arbeitswelten. In diesem Fall, ist es gut die Mitarbeiter mitzunehmen, damit sie den Prozess und das Umfeld selbst mitgestalten können. Das erweist sich bisher als sehr produktiv und motivierend.

Sie haben nicht nur die Höhen kennengelernt, sondern auch die Tiefen. Was nehmen Sie aus dem Jahr 2017 mit in die Zukunft?

Das Wichtigste ist, dass man grundsätzlich immer nach vorne schaut und sich nicht mit der Vergangenheit herumquält, die man sowieso nicht mehr ändern kann. Dann haben wir gelernt, dass das Unternehmen breiter aufgestellt werden muss, denn sich nur auf eine Branche zu konzentrieren kann gefährlich sein. Diese Erkenntnis haben wir in den letzten Jahren besonders beherzigt. Bis 2015 waren wir fast ausschließlich im Modebereich tätig. Nach und nach haben wir neue Bereiche für uns erschlossen, zum Beispiel die Gastronomie, da möchte ich das Wohnzimmer in Herford erwähnen, in das von unserer Seite viel Herzblut eingeflossen ist, oder auch die Hotellerie mit dem Hansa-Hotel, in dem wir neben den Zimmern und Suiten auch den Café-Bereich gestaltet haben. Für Hotels haben wir ein sehr vielversprechendes und markengeschütztes Design-Konzept entwickelt, das sich „Black Suites“ nennt und für mittelständische Hoteliers eine attraktive Möglichkeit bietet, sich im überschaubaren finanziellen Rahmen komplett zu modernisieren. Im Bereich der Verwaltung sind wir stolz darauf, die Fachhochschule für Finanzen inklusive Campus und Studentenwohnungen gestaltet und ausgestattet zu haben. Ein großes Thema für fast alle Branchen sind grundsätzlich Showrooms und Fortbildungsräumlichkeiten. Das gilt für Banken ebenso wie Produzenten. Niemand kommt heute darum herum, sich als Marke zu definieren und erlebbar zu machen. Ein weiterer Punkt, den wir aus der Krise gelernt haben ist, dass es bei uns im kreativen Bereich am sinnvollsten ist, im Team und mit flachen Hierarchien zu arbeiten. Wir hatten eine Phase, in der wir neben Team- und Projektleitern Bereichsleiter eingeführt haben. In der 25-jährigen Unternehmensgeschichte war das die schlechteste Entscheidung für die Verbesserung interner Strukturen und wirkte sich negativ auf die Identifikation der Mitarbeiter aus. Flache Hierarchien mit viel Eigenverantwortung sind für uns am besten. Neben der Verlagerung des Geschäfts auf mehrere Branchen, denken wir auch darüber nach weitere Standbeine aufzubauen. Die Überlegungen gehen vom Onlineshop für Möbel und Baustoffe inklusive Planungstool bis hin zum Angebot von biografischen Buchprojekten in exklusiver Design-Ausstattung. Mein Fazit lautet also: breiter aufstellen, flache Hierarchien einführen und wenn möglich gute Berater und Freunde haben, die einen auch in der Krise nicht im Stich lassen.

»Wir sehen, dass sich die Innenstädte in rasender Geschwindigkeit verändern. Man muss deshalb schnell handeln. Wir haben gute Ideen entwickelt, um die Zentren wieder attraktiver zu gestalten und zu beleben.«

Sie sind nah am Handel dran. Wohin entwickelt sich der Handel in den nächsten zehn Jahren und wie beeinflusst das Ihr Unternehmen?

Wir sehen, dass sich die Innenstädte in rasender Geschwindigkeit verändern. Man muss deshalb schnell handeln. Wir haben gute Ideen entwickelt, um die Zentren wieder attraktiver zu gestalten und zu beleben. Das bedeutet mehr Aufenthaltsqualität, mehr Erlebnisse, neue Marktplätze schaffen und analoge Angebote sinnvoll mit digitalen verknüpfen. Zum Beispiel macht es Sinn, temporäre Aktionsflächen zu schaffen, auf denen sich alles um ein Thema dreht. Genuss, Bildung, Shoppen, Sport müssen in einem verdichteten urbanen Bereich gut erreichbar zur Verfügung stehen. Fakt ist, dass sich durch den Wandel viele Fragen stellen, auf die wir eine Antwort finden müssen. Wir beschäftigen uns zum Beispiel gerade damit, was man mit klassischen Autohäusern machen kann, wenn der Autoverkauf künftig in einem Showroom in der Innenstadt oder digital stattfindet.

Sie engagieren sich und unterstützen Initiativen für ein respektvolles Miteinander in einer lebenswerten Welt. Was verbindet Sie mit der Region?

Mit Herford verbindet mich seit 2005 vor allem das Marta. Seitdem wir dieses Museum mit internationaler Strahlkraft in der Innenstadt haben, stelle ich Herford als Sitz des Unternehmens nicht mehr in Frage. Natürlich sind mir die Menschen, meine Familie und Freunde unheimlich wichtig, die zum großen Teil in und um Herford herum leben. Und ich muss sagen, dass mich die städtebauliche Entwicklung der letzten Jahre ebenfalls begeistert. Was hier angetrieben von unserem agilen und weitsichtigen Bürgermeister angeschoben wird, finde ich richtig gut. Ich bin gerne hier und ich glaube, dass wir in der Region einen sehr guten Zusammenhalt haben, ohne dabei den Rest der Welt aus den Augen zu verlieren. Genau wie innerhalb unseres Teams. Da bin ich wirklich sehr dankbar über die Loyalität derjenigen, die mir egal was, zur Seite standen und stehen. Wir fühlen uns hier im Herforder Marta-Viertel pudelwohl und wollen von Herford aus Impulse geben, um eine lebenswerte Welt zu gestalten.