Michaela Hesse, Rösterei Coffy Coffy
Wie ist die Idee zu Coffy Coffy entstanden – und wann war für Sie klar: Daraus soll ein eigenes Unternehmen werden?
Die Idee, mich selbstständig zu machen, begleitet mich tatsächlich schon seit fast zwanzig Jahren. Lange wusste ich nur nicht, womit. Es gab immer wieder Gedankenspiele, aber nie diese eine Idee, bei der ich gesagt hätte: Das ist es. Der entscheidende Moment kam vor etwa drei Jahren – ganz unscheinbar, bei einem Espresso. Ich war in einer Kaffeerösterei in Osnabrück und habe dort einen Espresso getrunken, der alles verändert hat. Kaffee mochte ich ab Mitte 30. Und plötzlich saß ich dort und dachte: So kann Kaffee also schmecken. Diese Atmosphäre, das Handwerk, die Ruhe und gleichzeitig diese unglaubliche Aromenvielfalt – das hat mich sofort gepackt. In diesem Moment ist der berühmte Groschen gefallen. Ich wusste: Genau das möchte ich machen. Ab da habe ich angefangen, mich intensiv mit Kaffee zu beschäftigen, Bücher zu lesen, Röstereien zu besuchen und mich immer tiefer einzuarbeiten. Aus einer Idee wurde nach und nach ein konkreter Plan.
Wer oder was hat Sie bei der Gründung konkret unterstützt?
Ohne Unterstützung wäre dieser Weg nicht möglich gewesen. Allen voran meine Familie. Mein Mann und meine Kinder haben diesen Schritt von Anfang an mitgetragen – emotional, organisatorisch und mental. Auch wenn ich die Rösterei alleine führe, ist Coffy Coffy ein Stück weit ein Familienprojekt.
Fachlich habe ich mir früh ein tragfähiges Netzwerk aufgebaut. Ich habe bei verschiedenen Röstereien hospitiert, offen gesagt, was ich vorhabe und wurde immer sehr herzlich aufgenommen. Dieser offene Austausch innerhalb der Branche hat mich enorm weitergebracht und mir viele praktische Einblicke ermöglicht. Eine sehr wichtige Rolle spielte zudem die IHK. Ich habe dort eine Gründungsberatung gemacht, an Schulungen teilgenommen und mich intensiv zu Finanzierung und Fördermöglichkeiten beraten lassen. Meine Beraterin hat meinen Businessplan mehrfach geprüft und mir ehrliches, konstruktives Feedback gegeben. Das hat mir große Sicherheit gegeben. Zusätzlich bekam ich Unterstützung von der Wirtschaftsförderung in Bünde bei der Immobiliensuche.
Ganz besonders hervorheben möchte ich aber die Unterstützung durch die Sparkasse Herford. Dort hatte ich einen Ansprechpartner, der von Anfang an hinter meinem Vorhaben stand. Er hat sich intensiv mit meinem Businessplan auseinandergesetzt, mich nicht nur als Gründerin, sondern auch als Persönlichkeit kennengelernt und mein Projekt intern vertreten. Gerade in einer Phase, in der externe Bürgschaften abgelehnt wurden, war diese Unterstützung alles andere als selbstverständlich. Die Sparkasse Herford hat sich dennoch klar zu meinem Vorhaben bekannt und die Finanzierung möglich gemacht. Ohne das persönliches Engagement meines Ansprechpartners würden wir heute nicht hier sitzen. Dafür bin ich bis heute sehr dankbar.
Welche Hürden gab es ganz am Anfang der Gründung?
Die größte Herausforderung war ganz klar die Immobiliensuche. Viele Objekte sahen auf den ersten Blick gut aus, waren es dann aber nicht – entweder wegen baulicher Vorgaben, fehlender Parkmöglichkeiten oder schlicht wegen der Kosten.
Hinzu kamen bürokratische Hürden, die man emotional oft unterschätzt. Besonders schwer war für mich die Ablehnung einer Bürgschaft mit der Begründung, ich hätte vorher nicht in der Kaffeebranche gearbeitet. In solchen Momenten fragt man sich natürlich: Warum traue ich mir das eigentlich zu? Mental war das definitiv die größte Herausforderung. Aber genau diese Phasen haben mich geprägt. Ich habe gelernt, dranzubleiben, an meine Idee zu glauben und Lösungen zu finden – auch dann, wenn der Weg plötzlich steiniger wird als geplant.
Was unterscheidet Ihre Bohnen und Ihre Art der Röstung von anderen Kaffeeröstereien?
Ich arbeite mit dem Langzeittrommelröstverfahren. Das bedeutet vor allem eines: Zeit. Während industriell gerösteter Kaffee oft in wenigen Minuten fertig ist, röste ich meine Bohnen zwischen 12 und 17 Minuten. Man kann sich das ein bisschen wie beim Brotbacken vorstellen: Ein schnell produziertes Brot macht satt – ein gutes Sauerteigbrot erzählt eine Geschichte. Genau so ist es mit Kaffee. Durch die längere Röstung können sich die Aromen vollständig entwickeln, Bitterstoffe werden reduziert und der Kaffee wird bekömmlicher.
Ich arbeite mit kleinen Chargen und sehr hochwertigen Bohnen. Weniger Fehlbohnen, gleichmäßige Reife, sorgfältige Verarbeitung – all das schmeckt man am Ende in der Tasse. Viele Kundinnen und Kunden merken den Unterschied schon beim ersten Schluck, selbst wenn sie sich vorher nicht als Kaffeekenner bezeichnet hätten. (Anmerkung der Redaktion: der Cappuccino und der Espresso ist einfach köstlich.)
Ein weiterer wichtiger Punkt ist für mich der direkte Kontakt zu den Ursprungsländern. Ich kaufe einen Teil meiner Kaffees bereits im Direct Trade ein, zum Beispiel aus Kolumbien, und plane gezielt Reisen in Länder wie Guatemala. Dort möchte ich die Farmen persönlich besuchen, von Farm zu Farm reisen und mir ein eigenes Bild vom Anbau und den Arbeitsbedingungen machen. Wenn ich im Einkauf bewusst mehr bezahle, möchte ich sicherstellen, dass dieses „Mehr“ auch bei den Farmern und Pflückern ankommt. Für mich ist das gelebte Nachhaltigkeit – nicht nur ein Siegel auf der Verpackung. Und genau diese Haltung spiegelt sich am Ende auch im Geschmack wider.
»Fachlich habe ich mir früh ein tragfähiges Netzwerk aufgebaut. Ich habe bei verschiedenen Röstereien hospitiert, offen gesagt, was ich vorhabe und wurde immer sehr herzlich aufgenommen. Dieser offene Austausch innerhalb der Branche hat mich enorm weitergebracht und mir viele praktische Einblicke ermöglicht.«
Wie lässt sich Ihr hoher Qualitätsanspruch mit den wirtschaftlichen Anforderungen eines jungen Unternehmens vereinbaren?
Das ist eine ständige Balance. Qualität kostet Geld – im Einkauf, in der Verarbeitung und in der Zeit. Gleichzeitig muss ein Unternehmen wirtschaftlich tragfähig sein. Ich habe mich deshalb bewusst für ein differenziertes Sortiment entschieden. Es gibt sehr exklusive Kaffees für echte Liebhaber, aber auch hochwertige Kaffees, die sich im Büroalltag oder in der Gastronomie gut einsetzen lassen.
Mein kaufmännischer Hintergrund hilft mir dabei enorm. Planung, Controlling und realistische Kalkulationen gehören für mich genauso dazu wie das Rösten selbst. Qualität und Wirtschaftlichkeit schließen sich nicht aus – sie brauchen nur klare Entscheidungen.
Das gilt auch für die Verpackung. Ich nutze ein nachhaltiges Monomaterial, das recycelbar ist und ohne Aluminium auskommt. Auch das war eine bewusste Entscheidung.
Interessanterweise war genau dieses Thema direkt zur Eröffnung eine Herausforderung: Die eigentlich geplanten Beutel im Corporate Design konnten wegen eines Maschinenschadens nicht rechtzeitig geliefert werden. Wir mussten kurzfristig umdenken und sind mit schlichten weißen Beuteln und Etiketten gestartet. Rückblickend war das eine typische Gründer-Erfahrung: Nicht ärgern, sondern eine Lösung finden und weitermachen.
Der Kaffeemarkt ist stark umkämpft: Wie gelingt es Ihnen, nicht austauschbar zu sein und welche Zielgruppen sprechen Sie aktuell an?
Ich versuche gar nicht, alles für jeden zu sein. Coffy Coffy steht für Handwerk, Persönlichkeit und Nähe. Ein wichtiger Teil unserer Identität sind auch die Namen der Kaffees. Unsere Sorten heißen nicht nach komplizierten Fincas oder Nummern, sondern tragen Vornamen wie „Die Lola“, „Die Wilma“ oder „Der Oskar“. Diese Idee entstand eher zufällig, ist aber geblieben. Die Namen haben einen persönlichen Bezug – zu Familie, Freunden oder auch Haustieren – und sie sind leicht zu merken. Das Schöne ist: Die Kundinnen und Kunden übernehmen diese Sprache. Sie sagen nicht „Ich hätte gern den Crema XY“, sondern „Ich nehme nochmal die Lola“. Genau das zeigt mir, dass Kaffee hier nicht anonym ist, sondern eine Geschichte bekommt. Zusätzlich arbeite ich viel im B2B-Bereich, entwickle individuelle Kaffees für Unternehmen und biete Private Labels an. Diese Nähe und Individualität machen uns nicht austauschbar.
Der Fokus liegt klar auf Geschäftskunden: Unternehmen, Gastronomie, Praxen und Büros. Parallel dazu kommen private Kaffeeliebhaber, die bewusst einkaufen und Wert auf Beratung legen. Gerade in der frühen Phase ist es wichtig, sich nicht zu verzetteln. Ich entwickle das Geschäft Schritt für Schritt – und merke, dass sich vieles ganz organisch ergibt, wenn die Qualität stimmt.
Warum ist Bünde der richtige Standort für Coffy Coffy?
Bünde war für mich eine sehr bewusste Entscheidung. Es gibt hier keine klassische Rösterei, gleichzeitig aber eine starke wirtschaftliche Struktur mit vielen Unternehmen.
Kurze Wege, persönliche Kontakte und regionale Verbundenheit passen perfekt zu meinem Konzept. Natürlich bringt Gründen im Kreis Herford auch Herausforderungen mit sich – man braucht Geduld, gute Netzwerke und Flexibilität. Aber genau diese Bodenständigkeit schätze ich sehr.
Was haben Sie seit der Gründung über sich selbst als Unternehmerin gelernt?
Ich habe gelernt, noch lösungsorientierter zu denken, als ich es vorher schon getan habe. Als Angestellte entscheidet oft jemand anderes. Als Unternehmerin treffe ich die Entscheidungen selbst – und trage die Verantwortung. Hindernisse sehe ich heute weniger als Rückschläge, sondern als Aufgaben. Wenn etwas nicht funktioniert, frage ich mich nicht mehr warum, sondern wie lösen wir das jetzt. Und ich habe gelernt, wie erfüllend es ist, jeden Tag für etwas zu arbeiten, das wirklich mein eigenes ist.
Welche Tipps würden Sie Menschen geben, die im Kreis Herford mit einer eigenen Idee spielen?
Reden, Netzwerken und Hilfe annehmen. Niemand muss diesen Weg allein gehen. Ob IHK, Wirtschaftsförderung wie die wfg im Kreis Herford oder andere Gründerinnen und Gründer – es gibt viele Angebote, die man nutzen sollte. Wichtig ist auch, ehrlich zu sich selbst zu sein: reflektieren, nachjustieren und die eigene Idee weiterentwickeln. Mut heißt nicht, keine Zweifel zu haben. Mut heißt, trotz Zweifel loszugehen – vorbereitet, offen und mit Vertrauen in den eigenen Weg.
Mehr Informationen zu Rösterei Coffy Coffy:
www.coffycoffy.de
Interview 26. Januar 2026