Tino J. Röse, emotions4life Studios GmbH
„Dann mache ich es eben selbst.“
Mit 16 wollte Tino Röse fotografieren und bekam zunächst Absagen. Also baute er seine eigene Webseite und suchte sich seine ersten Kunden selbst. Aus dieser Haltung – nicht darauf zu warten, dass jemand eine Tür öffnet, sondern selbst eine aufzumachen – ist über die Jahre Emotions4Life entstanden. Heute arbeitet das Unternehmen international und entwickelt in Herford neue Ideen rund um Content, CGI und Künstliche Intelligenz. Im Gespräch erzählt Tino Röse von seinen Anfängen, seinen größten Herausforderungen, seinen Mitarbeitern und davon, warum Vertrauen für ihn wichtiger ist als Kontrolle.
Tino, wie hat eigentlich alles angefangen? War Unternehmer zu werden schon immer dein Plan?
Mit 16 Jahren habe ich angefangen, mich für Fotografie zu interessieren. Ich war damals in einer Diskothek und fand es spannend, dass dort Menschen mit Kameras unterwegs waren. Ich wollte das auch machen. Das Problem war nur: Die meisten Portale haben gesagt, dass man dafür 18 sein müsse. Also habe ich mir gedacht: Wenn die mich nicht wollen, mache ich es eben selbst.
Ich hatte in der Schule HTML gelernt und habe meine erste eigene Webseite gebaut. Danach habe ich bei Diskotheken angerufen und gefragt, ob ich dort fotografieren darf. So habe ich angefangen.
Meine erste Digitalkamera haben wir heute sogar noch. Ich habe damals in Diskotheken (im GoPark, Adiamo etc) fotografiert, später Werbung verkauft und irgendwann eigene Konzepte entwickelt. Das alles lief neben der Schule. Ich war teilweise fünf Nächte pro Woche unterwegs und habe gleichzeitig mein Abitur gemacht.
Du hast dir sehr vieles selbst beigebracht. Inwiefern hat dich diese frühere Zeit geprägt?
Sehr viel. Ich habe eigentlich immer nach dem Prinzip gearbeitet: ausprobieren, scheitern, neu machen und weitermachen. Ich habe mir vieles selbst beigebracht. Damals gab es noch kein ChatGPT, bei dem man einfach fragen konnte. Es war Learning by Doing.
Durch das Nachtleben habe ich außerdem unglaublich viele Menschen kennengelernt – aus völlig unterschiedlichen Lebenswelten. Und irgendwann stellst du fest: Egal, ob jemand viel oder wenig Geld hat, am Ende sind wir alle Menschen. Diese Menschenkenntnis hat mich sehr geprägt.
Auch später im Unternehmertum habe ich immer wieder erlebt, dass man auf die heiße Herdplatte fasst. Es tut weh, aber man lernt daraus.
Du hattest sogar einen ganz anderen beruflichen Plan und hast eine Ausbildung nach einem Tag abgebrochen. Warum?
Die Fliegerei war schon immer ein großer Traum von mir. Für die Lufthansa hat es damals wegen meiner Dioptrien nicht für das Cockpit gereicht. Deshalb habe ich mich unter anderem als Flugverkehrskaufmann beworben. Parallel dazu lief meine Fotografie aber immer weiter. Ich hatte sogar eine Ausbildung zum Fotografen begonnen. Nach einem Tag habe ich gesagt: Das bin ich nicht. Ich habe es einfach nicht gefühlt. Eigene Kunden, Verträge und erste Erfahrungen hatte ich bereits gesammelt. Da wurde mir klar: Ich möchte meinen eigenen Weg gehen.
Dann kam die entscheidende Situation: Ich hätte eine andere Ausbildung beginnen können, musste aber ein Jahr warten. Also habe ich gesagt: Dann mache ich in dieser Zeit das weiter, was ich gerade sowieso mache. Und plötzlich entwickelte sich aus dem, was eigentlich als Hobby begonnen hatte, innerhalb weniger Monate ein richtiges Unternehmen. Da musste ich mich entscheiden: Ausbildung oder alles auf eine Karte setzen? Ich habe mich für mein eigenes Unternehmen entschieden.
2010 hast du dann emotions4life gegründet. Wie wurde aus dem jungen Fotografen ein Unternehmer?
emotions4life wurde am 10.10.2010 gegründet. Das ist mir tatsächlich erst mit dem Einzug hier in Herford 2021 aufgefallen. Da habe ich realisiert: Mensch, wir haben ja am 10.10.10 gegründet.
Am Anfang war das noch sehr klein. Ich bin aus dem Partykeller meiner Mutter ausgezogen und habe mein erstes Studio in Bünde eröffnet.
Angeboten wurde Produktfotografie – und dafür bin zu Unternehmen gegangen und habe gesagt: „Ich mache Produktfotografie. Darf ich mich einmal vorstellen?“ Eine klassische Ausbildung hatte ich nicht, dafür eine Kamera, Blitzlampen und unglaublich viel Lust auf das, was da entstehen konnte. Dann kamen die ersten Mitarbeiter dazu.
Irgendwann habe ich gemerkt: Wenn das Unternehmen professioneller werden soll, kann ich nicht mehr alles selbst machen. Also musste ich lernen, Verantwortung abzugeben und Menschen ins Unternehmen zu holen, die bestimmte Dinge besser können als ich.
Du hast dabei auch schwierige Situationen erlebt. Was war eine der größten Herausforderungen auf deinem Weg?
Eine der Situationen, die mich sehr geprägt hat, war eine unbezahlte Rechnung. Wir hatten für einen Kunden gearbeitet, aber das Geld kam nicht. Gleichzeitig mussten die Gehälter bezahlt werden. Mir fehlten damals 3.000 Euro. Die Bank wollte mir kein Geld geben. Ich hatte kaum etwas und hatte mein gesamtes Geld ins Unternehmen gesteckt. Letztlich hat mir meine Mutter geholfen. Ich habe das Geld später zurückgezahlt. Den Überweisungsbeleg haben wir sogar eingerahmt.
Das hat mir gezeigt, dass man sich als Unternehmer mit vielen Dingen auseinandersetzen muss, die man vorher nicht gelernt hat. Aber genau diese Erfahrungen haben mich weitergebracht. Ich habe später viel gelesen, mir Mentoren gesucht und Menschen gefunden, die ich als Sparringspartner anrufen konnte.
»„Die Entwicklung von emotions4life ist eigentlich immer dadurch entstanden, dass ich unseren Kunden zugehört habe. Ich kann gut reden und mit Menschen umgehen – aber irgendwann habe ich verstanden: Zuhören ist wichtiger als Reden.“«
(Foto: Tino Röse im Gespräch mit Andreas Wagner, Geschäftsführer Rotpunkt Küchen GmbH)
Aus dem Fotostudio ist inzwischen ein Unternehmen mit Filmproduktion, CGI*, KI und internationalen Kunden geworden. Wie kam diese Entwicklung? (*Redaktion: Computer Generated Imagery – computergenerierte Bilder und Animationen)
Eigentlich immer dadurch, dass ich unseren Kunden zugehört habe. Ich kann gut reden und mit Menschen umgehen – aber irgendwann habe ich verstanden:
Zuhören ist wichtiger als Reden.
Wenn ein Kunde sagt: „How-to-Videos wären für uns interessant“, dann frage ich mich: Warum machen wir das nicht? So entstand die Filmproduktion.
Dann kam das Thema CGI und 3D-Rendering (Redaktion: computergestützte Erstellung realistischer Bilder). Und seit 2023 ist Künstliche Intelligenz ein riesiges Thema. Wir haben sehr früh erkannt, dass KI unsere Branche verändern wird. Wir haben uns hingesetzt, ausprobiert und eine eigene Taskforce aufgebaut. Heute beschäftigen wir uns nicht nur mit KI-generiertem Content, sondern auch mit Automatisierung, Prozessen und intelligenten Systemen. Wir wollen nicht einfach nur auf Trends reagieren. Wir wollen Dinge selbst entwickeln und ausprobieren.
Heute geht es bei emotions4life nicht mehr nur um Fotografie, sondern auch um das neue Experience Center. Was steckt dahinter?
Gerade entwickeln wir unseren Standort in Herford zu einem Experience Center. Wir wollen weg vom klassischen Gedanken eines Fotostudios und einen Ort schaffen, an dem Unternehmen Content produzieren, Produkte präsentieren, Veranstaltungen durchführen und miteinander ins Gespräch kommen können. Dazu gehören beispielsweise Ausstellungsflächen für Küchenhersteller, Armaturenhersteller, Bodenbeläge, Sound oder Consumer Electronics.
Wir möchten Unternehmen miteinander verbinden, die sich ergänzen und nicht gegenseitig Konkurrenz machen. Und genau das ist auch ein Stück weit meine heutige Aufgabe: Menschen und Unternehmen miteinander verbinden und daraus nachhaltiges Wachstum entstehen lassen.
Du sprichst sehr viel über Vertrauen und deine Mitarbeiter. Wie sieht deine Art der Führung aus?
Meine Mitarbeiter sollen in ihrem Bereich größer werden als ich. Dazu sage ich gerne: „Ich bin der Audi A1. Meine Mitarbeiter sollen die großen Modelle sein.“ Schließlich kann ich nicht überall der Beste sein. Meine Aufgabe ist es, gute Leute an Bord zu holen, ihnen Verantwortung zu geben und ihnen zu vertrauen. Wir wollen kein Tanker sein, sondern ein Speedboot. Wenn Menschen Freiheit bekommen, Verantwortung übernehmen und wissen, dass sie etwas bewegen dürfen, entsteht eine unglaubliche Energie.
Warum ist dein Unternehmen trotz internationaler Ausrichtung hier in Herford geblieben?
Ich bin in Bünde geboren und aufgewachsen. Natürlich haben wir uns gefragt: Warum nicht Düsseldorf, München, Stuttgart oder Berlin? Aber dann haben wir gesagt: Der Kreis Herford ist unsere Heimat. Wir haben hier Menschen, die an uns glauben, wir haben ein starkes Netzwerk und wir haben einen Standort geschaffen, der zu unserer Vision passt.
Beim Bau gab es übrigens einige Überraschungen. Das Grundstück hatte einen Höhenunterschied von neun Metern und rund 70 Prozent des Baugrunds waren problematisch. Trotzdem haben wir gesagt: Wir machen das. Das Gebäude wurde mitten in Corona gebaut.
Und genau solche Situationen zeigen mir, was Unternehmertum bedeutet: Nicht alles läuft nach Plan. Aber man findet eine Lösung.
Wenn du heute zurückblickst: Was bedeutet Erfolg für dich – und was möchtest du noch erreichen?
Ich hätte das Unternehmen in den vergangenen Jahren mehrfach verkaufen können. Ein Angebot war finanziell sogar so attraktiv, dass ich wahrscheinlich nie wieder hätte arbeiten müssen. Trotzdem habe ich Nein gesagt. Denn mit dem Verkauf wäre ich komplett raus gewesen. Und damit hätte ich auch die Menschen und die Kultur aufgegeben, die emotions4life ausmachen. Geld ist für mich letztlich nur eine Währung. Was mich wirklich antreibt, ist die Leidenschaft, etwas aufzubauen, Dinge zu bewegen und Menschen auf diesem Weg mitzunehmen. Eines ist mir dabei besonders wichtig: neugierig zu bleiben, Dinge auszuprobieren und Menschen für neue Ideen zu begeistern.
Anmerkung der Redaktion: Normalerweise heißt es in unseren Interviews „Sie“. Bei Tino Röse machen wir bewusst eine Ausnahme: Er möchte beim „Du“ bleiben – weil es persönlicher, authentischer und einfach mehr „Tino“ ist.
Mehr Informationen zu emotions4life Studios GmbH:
https://www.emotions4life.de/
Interview 20. August 2026